Monatsarchiv: Oktober 2011

Themenschwerpunkt bei literaturkritik.de

Zum zehnten Jahrestag der Anschläge am 11. September 2001 ist bei literaturkritik.de ein Themenschwerpunkt  erschienen; mit Beiträgen von Jan Süselbeck, Christoph Jürgensen, Ingo Irsigler, Christoph Deupmann, Volker Mergenthaler, Sascha Seiler, Dorothea Hans und Stefan Schweizer. – Hier weitere Informationen zu Publikationen der genannten Autoren in diesem Blog!

literaturkritik.de - Themenschwerpunkt zum zehnten Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001

literaturkritik.de – Nr. 9, September 2011,
(http://www.literaturkritik.de/public/inhalt.php?ausgabe=201109).

Tagungsbericht – »Zeitenwende 11. September?«

Tagungsbericht

Gerade kam über den Verteiler H-Germanistik folgender Tagungsbericht herein:

From: Eva-Maria Kiefer (ekiefer@hca.uni-heidelberg.de)
Date: 15.10.2011
Subject: Tagber: Zeitenwende 11. September? Eine transatlantische Bilanz zehn Jahre danach

Heidelberg Center for American Studies; Zentrum für Europäische Geschichts- und Kulturwissenschaften, Ruprecht-Karls Universität Heidelberg; Institut für England- und Amerikastudien, Goethe Universität Frankfurt am Main

09.09.2011-11.09.2011, Heidelberg

Bericht von:
Eva-Maria Kiefer, Heidelberg Center for American Studies
E-Mail: (ekiefer@hca.uni-heidelberg.de)

In der ERP-Konferenz vom 9.-11. September 2011 im Heidelberg Center for American Studies wurde der Aspekt des 11. September 2001 als Zeitenwende für unterschiedliche Themenbereiche debattiert. Ziel war eine transatlantische Bilanz zehn Jahre nach den Terroranschlägen. In jeder der sechs Sektionen beschäftigte sich ein Vortrag mit den USA, der zweite fokussierte Europa und/oder Deutschland. Den Vorträgen der Referenten/innen, häufig Nachwuchswissenschaftler/innen, schloss sich meist ein Expertenkommentar an, der einen Bogen zwischen beiden Vorträgen schlug. Ein Eröffnungsvortrag Frank-Walter Steinmeiers (Berlin) und eine die Konferenz abrundende Podiumsdiskussion mit Peter Struck (Berlin) vervollständigten das Programm.

In seiner Einführung legte SIMON WENDT (Frankfurt am Main) das konzeptionell-analytische Fundament, um eine Verortung des 11. September versuchen zu können. Er lieferte eine Arbeitsdefinition des Begriffes Zeitenwende, die den Zäsurcharakter des Wortes und vor allem die daraus langfristig eintretende Veränderung im Vergleich zu vorangegangenen Entwicklungen betonte. Zudem hob Wendt die Wirkungsmächtigkeit des 11. September hervor: alleine die Wahrnehmung als Zäsur könne einen realen Wandel anstoßen. Der aktuelle Forschungsstand zum Thema bezeichne 9/11 im Sinne der weltpolitischen Bedeutung eher als Katalysator. Die Katalysatorfunktion des 11. September wurde von einem Großteil der Referenten aufgegriffen.

In der ersten Sektion referierte zunächst TILL KARMANN (Heidelberg) über die Auswirkungen von 9/11 auf den Antiamerikanismus in Deutschland. 9/11 bedeute keine Zeitenwende. Antiamerikanismus in Deutschland sei seit dem Zweiten Weltkrieg tief im deutschen Amerikabild verankert und kulturell begründet. Zudem sei die Bezeichnung „Antibushismus“ passender: Die nach 9/11in Deutschland auflodernden Sympathie- und Solidaritätsgefühle stellten, so Karmann, lediglich eine Unterbrechung im andauernden Antiamerikanismus gegenüber der Bush-Regierung dar.

Im Anschluss beschrieb MARTIN THUNERT (Heidelberg) die Rolle des 11. September als Katalysator einer Europawahrnehmung in den USA, die ihren Ursprung im 19. Jahrhundert habe. Nach 9/11 seien diesbezüglich keine neuen Gräben erkennbar, wenn auch die USA europäische Verantwortung fordere. Ein spezifischer Blick zeige einen scharfen Kontrast zwischen dem Deutschlandbild der amerikanischen Eliten und dem der Bevölkerung in den USA. Nicht erst seit 9/11, sondern schon seit dem Berlinumzug hätten die Eliten in Amerika ein modernisiertes Deutschlandbild angenommen. Das Bild der amerikanischen Bevölkerung hingegen, sei seit dem Dritten Reich eingefroren.

In seinem Kommentar schloss sich PHILLIP GASSERT (Augsburg) den Ausführungen von Simon Wendt an, dass ein Katalysatorereignis wie 9/11 dann zum Wendepunkt werden könne, wenn die Bevölkerung überzeugt sei von einer solchen Zäsur. Nicht also das Ereignis an sich, sondern die Auffassung über das Ereignis sei entscheidend. Er stellte das Europa- bzw. Amerikabild des jeweils anderen als „Präferenz der Sprechenden“ dar, das mehr über das Ursprungsland als über das Betrachtete aussage. So spiegele das demografische Problem in Europa die eigenen Schwierigkeiten in den USA ebenso, wie der Antiamerikanismus der Selbstversicherung diene.

Die zweite Sektion beschäftigte sich mit dem Thema Religionsdiagloge und -konflikte. MOUNIR AZZAOUI (Aachen) betonte zunächst, dass die Frage nach 9/11 als Zäsur eng verknüpft sei mit dem Adressaten, an den diese Frage gerichtet sei. Bei der Betrachtung der Auswirkungen von 9/11 auf das Zusammenbringen von Muslimen unterschiedlicher Rassen in den USA beleuchtete er drei Teilaspekte: Partizipationsmöglichkeiten, Repräsentation, sowie Integration von Muslimen. Er befand alle Aspekte als unzureichend und plädierte dafür, Religion mehr Platz im öffentlichen Raum zu geben, um auch im politischen Raum aktiv werden zu können.

TIM KARIS (Münster) beleuchtete die Verwendung von Narrativen im Islamdiskurs in deutschen Fernsehnachrichten vor und nach 9/11. Der 11. September stelle keinen Bruch zum bereits existierenden Narrativ „islamistischer Terrorismus“ (Islam versus Westen) dar, das sich nach dem Bombenanschlag auf das World Trade Center 1993 gegen andere Narrative durchgesetzt habe. Nach 9/11 habe es jedoch eine verstärkte Koppelung der Narrative „islamistischer Terrorismus“ und „muslimische Migration“ gegeben. So bedeute 9/11 hinsichtlich des Islamdiskurses deutscher Fernsehnachrichten insofern eine Zäsur, als die Berichterstattung über Terrorismus als Anknüpfungspunkt diene, um vom muslimischen Leben in Deutschland zu berichten.

In ihrem Kommentar stellte INKEN PROHL (Heidelberg) klar, dass es nicht den Islam gebe und plädierte für Pluralismus beziehungsweise eine Individualisierung der Religion. Die Narrative vom „islamistischen Terrorismus“ und „religiösen Terrorismus“ gelte es zu revidieren. Auch sie betonte die Wichtigkeit der Reaktion der sozialen Akteure bei der Beantwortung der Frage, ob 9/11 eine Zeitenwende darstelle und warnte
davor, dass die Darstellung von 9/11 als Zeitenwende auch zu Dramatisierungszwecken genutzt werden könne.

Den ersten beiden Sektionen schlossen sich drei Buchvorstellungen zum Thema „9/11 als Zäsur?“ an. BIRTE CHRIST (Gießen) stellte die Essaysammlung mit dem provozierenden Titel „9/11: Kein Tag, der die Welt veränderte“, die sie gemeinsam mit Michael Butter und Patrick Keller veröffentlicht hat, vor.[1] Auch dieses Buch diskutiert die zuvor bereits mehrfach erwähnte Katalysatorrolle des 11. September in zehn Einzelbeiträgen, um ein kaleidoskopisches Bild möglicher Veränderungen durch 9/11 in Politik, Gesellschaft und Kultur der USA zu zeichnen.

TOBIAS ENDLER (Heidelberg) gab Einblicke in sein Buch „After 9/11: Leading Political Thinkers about the World, the U.S. and Themselves: 17 Conversations“. Schwerpunkt des Buches sei die Darstellung der Selbstwahrnehmung der im Buch interviewten Intellektuellen. Von den interviewten herausragenden „public intellectuals“ verschiedener politischer Standpunkte der USA griff er für die Buchvorstellung
beispielhaft Standpunkte heraus, um deren Unterschiedlichkeit aber auch überraschende Gemeinsamkeiten herauszustellen.

BERND GREINER (Hamburg) rundete die Vortragsreihe mit einem Buch zum 11. September ab, das verdeutliche, dass 9/11 auch nach zehn Jahren noch eine Aktualität besitze und das Nachdenken über die Ereignisse nicht abgeschlossen sei. Er sah 9/11 als Ausdruck eines Problems größerer Dimension: die USA müsse sich von Hegemonialansprüchen verabschieden.[2]

Am Abend lockte der öffentliche Vortrag FRANK-WALTER STEINMEIERs etwa 700 interessierte Zuhörer an. Nach einer gelungen pointierten Einführung
durch WILFRIED MAUSBACH (Heidelberg), wurden den Besuchern
Innenansichten des ehemaligen Kanzleramtschefs zu der Zeit am und um den
11. September eröffnet. Ein zentrales Anliegen Steinmeiers war die
Beschreibung der damaligen Gefühlslage; die reale Angst, aus der heraus
die damalige Handlungsweise gedeutet werden müsse. Die Zusage der
„uneingeschränkten Solidarität“ Deutschlands an die USA wertete er als
ein Bekenntnis zur Freundschaft, Ausdruck des Entsetzens und Demütigung
einer betroffenen Nation. Er betonte, Deutschland habe sich damals nicht
aufgedrängt, dies sei eine typisch nachträgliche Deutung. Für ihn habe
schon damals festgestanden, dass die Anschläge für die US-Geschichte
eine „tiefgreifende Zäsur für das amerikanische Sicherheitsgefühl“
bedeuteten. Gerade heute sei ihm nochmals deutlich geworden, dass die
Welt, wie Teile der US-Regierung damals glaubhaft machen wollten, eben
nicht aus reinem Schwarz und Weiß, sondern unterschiedlichen Grautönen
bestehe. Eine Zukunftsaufgabe sei es, Terroristen von der Macht fern zu
halten. Steinmeier sah den Kampf gegen den Terror jedoch nicht als
oberste Priorität für die nächsten 10 Jahre; da gäbe es andere wichtige
Aufgaben, wie beispielsweise die Chancen und Risiken der Veränderungen
in der arabischen Welt, denn Demokratie brauche „Demokraten und
Erfolg“.

Am nächsten Tag beschäftigte sich die Konferenz zunächst mit dem Thema
Migration und Einwanderungspolitik. DOROTHEE SCHNEIDER
(Urbana-Champaign) beschrieb den nach 9/11 festzustellenden Wandel, dass
Immigranten zunächst als Teil der Opfer, dann aber lediglich als Täter
gesehen worden seien. Die US-Einwanderungspolitik an sich habe sich
jedoch seit 9/11 nicht verändert. In den Jahren 2004 und auch 2005 sei
die Zahl der Immigranten im Vergleich zu den Jahren davor unverändert,
eher tendenziell steigend.

SÖREN KEIL (Kent) ging in seinem Vortrag zum gleichen Themenkomplex darauf ein, welchen Einfluss 9/11 auf die europäische Einwanderungspolitik hatte. Einen klaren Unterschied zu den Entwicklungen in den USA sah er darin, dass in Europa nach 9/11 keine Sekuritisierung stattgefunden habe. Europa habe die Anschläge vielmehr als einen kriminellen Akt denn als einen Krieg aufgefasst, was die Debatte auch um die Einwanderungspolitik präge. Diese habe sich zwar seit 9/11 gewandelt, eine gemeinsame Einwanderungspolitik sei jedoch nur in Teilen vorhanden.

Thema der folgenden Sektion war die Rolle des 11. September für die Medien. EVA-MARIA KIEFER (Heidelberg) beschrieb 9/11 als einen Katalysator für einen Wandel der Darstellung des Terrorismus in den Medien: technische Entwicklung der Medien und terroristische Intention nach Aufmerksamkeit seien hier zum ersten Mal in dieser Weise aufeinandergetroffen. Hinsichtlich der Interpretation des Terrorismus in den Medien sei 9/11 keine Zäsur, denn es sei vor allem der Sekuritsierungsprozess gewesen, der nur temporär einen Wandel in der Berichterstattung eingeleitet habe.

Im Anschluss gab WOLFGANG FRINDTE (Jena) Einblicke in seine Forschung. Statt die Frage nach der Zeitenwende zu beantworten, schwenkte er den Blick darauf, welchen Einfluss die mediale Darstellung von Terrorismus auf die Rezipienten haben kann. So zeigte er anhand von Graphiken und Statistiken, dass die Bedrohungswahrnehmung signifikant mit der medialen Berichterststattung korreliere, jedoch negativ mit der Anzahl verübter Terroranschläge. Es würde somit eine duale Differenzierung notwendig.

Die nächste Sektion beschäftigte sich mit der Bedeutung von 9/11 für die Außenpolitik. JOHN R. DENI (Heidelberg) begann seinen Vortrag mit der provokanten These 9/11 habe alles geändert, um dann, zumindest für den Bereich der amerikanischen Außenpolitik, das Gegenteil zu beweisen. Er verwies auf die Kontinuitäten in der US-Außenpolitik seit den 1990er Jahren, hob jedoch eine Neuerung deutlich heraus: die politische Reaktion auf 9/11 habe die Grenzen des politischen Einflussgebietes Amerikas gezeigt; die Zeit der USA als Hegemon sei (zumindest vorübergehend) vorbei.

KAI OPPERMANN (Köln) beschäftigte sich im Anschluss mit der Rolle des
11. September für die europäische und deutsche Außen- und
Sicherheitspolitik. Auch er benutzte den Begriff des Katalysators. Durch
9/11 sei das Spannungsverhältnis zwischen deutscher Innenpolitik und
internationaler Politik verschärft worden. Rollenerwartung an die
deutsche Außen- und Sicherheitspolitik und Rollenperzeption dieser
stünden im Spannungsfeld zueinander. Nach 9/11 seien intensivierte
internationale Erwartungen auf die deutsche Kultur der außenpolitischen
Zurückhaltung getroffen.

In seinem ausführlichen Kommentar zu den Vorträgen schlug GUNTHER
HELLMANN (Frankfurt am Main) noch einmal den wichtigen Bogen zu der
Frage nach dem 11. September als einer Zeitenwende, die den Aspekt des
Wandels stärker in den Mittelpunkt rücke als den Aspekt der Kontinuität;
es war jedoch festzustellen, dass die Referenten, für die 9/11 doch eher
einen Katalysator darzustellen schien, neben dem Aufzeigen der Elemente
des Wandels doch eher die Kontinuitätslinien aufzeigten.

In der Sektion zum Thema Sicherheitspolitik und Terrorismusbekämpfung
arbeitete ROBIN SCHRÖDER (Kiel) anhand der nationalen
Sicherheitsstrategie der Regierung Bush nach 9/11 einen klaren Wandel in
der amerikanischen Terrorismusbekämpfung heraus. Diese unterteilte er in
direkte und indirekte Konsequenzen des Globalen Krieges gegen den
Terrorismus. Durch den 11. September habe sich ein neues Kriegsbild
ergeben, mit der Neuausrichtung der US-Streitkräfte und der NATO, die
einem neuen Machtgefüge gegenüberstünden.

Laut WILHELM KNELANGEN (Kiel) spiele 9/11 für einen Wandel in der
deutschen Außen- und Sicherheitspolitik eine größere Rolle als die
Ereignisse 1989/90. Einer der Unterschiede, die sich durch 9/11
manifestierten, sei die Rolle des Militärs, das vor den Terroranschlägen
kein, aber seit dem 11. September ein „selbstverständliches“ Instrument
deutscher Antiterrorismuspolitik sei. Wenn jedoch eine wirkliche Zäsur
in der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik zu verzeichnen sei, dann
eher im Jahre 2009, seitdem ein Strategiewandel stattgefunden habe und
man sich fragen müsse, ob Deutschland eine Zivilmacht sei oder je war.

In der die Konferenz abschließenden, öffentlichen Podiumsdiskussion am
11. September 2011 diskutierten MANFRED BERG (Heidelberg), HEATHER DE
LISLE (Berlin), BERND GREINER, OLIVIA SCHÖLLER (Berlin), und PETER
STRUCK noch einmal über die übergeordnete Fragestellung der Konferenz:
Stellte 9/11 eine Zeitenwende dar? Auch in dieser Diskussion wurde dem
11. September eine Katalysatorenrolle zugewiesen: für das Aufzeigen der
Krisenanfälligkeit der USA im Allgemeinen, die Polarisierung der
politischen Parteien im Speziellen und die Gefahr für demokratische
Werte in der westlichen Welt. Nicht in Verbindung mit 9/11 stehe
allerdings die Integrationsdebatte in Deutschland und der arabische
Frühling, der auch mit der Präsenz der USA in Afghanistan nicht forciert
worden sei, so die Mehrzahl der Gesprächsteilnehmer. Bezüglich der
Frage, ob Deutschland sich aufgedrängt habe im Krieg gegen Afghanistan,
fand  Struck klare Worte der Verneinung. Deutschland müsse sich außerdem
auch künftig seiner internationalen Rolle bewusst sein und könne
Verantwortung nicht immer abgeben. Bei der Frage nach der Zeitenwende,
waren sich die Diskutanten nicht ganz einig. De Lisle und Struck sahen
den 11. September ganz eindeutig als Zäsur. Greiner und Berg
differenzierten: Es komme auf die Perspektive und das Gebiet an, von dem
aus man das Ereignis betrachte.

Im Rahmen der Konferenz waren eindeutige Aussagen hinsichtlich der
Frage, ob der 11. September eine Zeitenwende hervorrief, oftmals schwer
auszumachen. Die meisten der Referenten schienen sich jedoch auf die
Katalysatorrolle des 11. September einigen zu können. Zudem ist die
Debatte um 9/11 als Zeitenwende eben nicht mit einem einfachen ja oder
nein zu beantworten, was die Diskussion gerade so interessant macht. Die
Forschungsergebnisse zur Konferenz werden im Frühjahr 2012 in einem
Sammelband veröffentlicht.

Konferenzübersicht:

Begrüßung und Einführung
Wilfried Mausbach (Heidelberg): Begrüßung
Simon Wendt (Frankfurt) und Till Karmann (Heidelberg):  „9/11 als Zeitenwende? Zum Problem einer transatlantischen Verortung“

Sektion I: Antiamerikanismus und „Antieuropäismus“
Moderation: Simon Wendt (Frankfurt)
Kommentar: Philipp Gassert (Augsburg)

Till Karmann (Heidelberg): „Wendepunkt 9/11? Antiamerikanismus in
Deutschland vor und nach dem 11. September 2001“

Martin Thunert (Heidelberg). „Zwischen ‚cheese-eating surrender monkeys‘
und ‚moralischer Supermacht‘: Amerikanische Wahrnehmungen Europas vor
und nach dem 11. September“

Sektion II: Religionsdialoge und -konflikte
Moderation: Till Karmann (Heidelberg)
Kommentar: Inken Prohl (Heidelberg)

Mounir Azzaoui (Aachen): „Repräsentation – Partizipation – Integration:
Funktionen muslimischer Interessenorganisationen bei der politischen
Inkorporation amerikanischer Muslime nach 9/11“

Tim Karis (Münster): „Diskursiver Wandel und Kontinuität im Islamdiskurs
deutscher Fernsehnachrichten vor und nach dem 11. September 2001“

9/11 als Zäsur? Buchvorstellungen zum Thema
Moderation: Martin Thunert (Heidelberg)

Birte Christ (Gießen): „9/11: Kein Tag, der die Welt veränderte“

Tobias Endler (Heidelberg): „After 9/11: Leading Political Thinkers about the World, the U.S. and Themselves“

Bernd Greiner (Hamburger): „9/11: Der Tag, die Angst, die Folgen“

Öffentlicher Abendvortrag
Einleitung: Wilfried Mausbach (Heidelberg)
Frank-Walter Steinmeier (Berlin):  „Der 11. September 2001: Innenansichten aus dem Kanzleramt“

Sektion III: Migration und Einwanderungspolitik
Moderation: Simon Wendt (Frankfurt)

Dorothee Schneider (Urbana-Champaign): „Making Immigration Policy in
Times of Crisis: 9/11 and U.S. Immigrants in Historical Perspective“

Sören Keil (Kent): „Europäische Einwanderungspolitik zwischen
Multikulturalismus, ökonomischen Interessen und Sicherheitspolitik“

Sektion IV: Medien und Terrorismus
Moderation: Tobias Endler (Heidelberg)

Eva-Maria Kiefer (Heidelberg): „Neue Angst durch 9/11? Der Einfluss
medial verstärkter Bedrohung in den USA“

Wolfgang Frindte (Jena): „Deutsche Massenmedien und die Interpretation
terroristischer Bedrohung vor und nach dem 11. September“

Sektion V: Amerikanische, deutsche und „europäische“ Außenpolitik
Moderation: Till Karmann (Heidelberg)
Kommentar: Gunther Hellmann (Frankfurt)

John R. Deni (Heidelberg): „September 11th, 2001 – a turning point in
American foreign policy?“

Kai Oppermann (Köln): „9/11 und die veränderten Anforderungen und
Restriktionen deutscher Außenpolitik“

Sektion VI: Sicherheitspolitik und Terrorismusbekämpfung
Moderation: Martin Thunert (Heidelberg)

Robin Schroeder (Kiel): „Amerikas ‚Global War on Terror‘ nach dem 11.
September – Dimensionen und Konsequenzen“

Wilhelm Knelangen (Kiel): „Die deutsche Reaktion auf 9/11 – eine ’neue‘
Politik der Terrorismusbekämpfung?“

Öffentliche Podiumsdiskussion – „Zeitenwende 11. September 2001?“
Moderation: Olivia Schoeller (Berlin)
Diskutanten: Manfred Berg (Heidelberg), Heather De Lisle (Berlin), Bernd Greiner (Hamburg), Peter Struck (Berlin)

Anmerkungen:
[1] Vgl. Georg Schild: Rezension zu: Butter, Michael; Christ, Birte;
Keller, Patrick (Hrsg.): 9/11. Kein Tag, der die Welt veränderte.
Paderborn 2011, in: H-Soz-u-Kult, 09.09.2011,
(http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-3-150).
[2] Vgl. Erik Fischer: Rezension zu: Greiner, Bernd: 9/11. Der Tag, die
Angst, die Folgen. München 2011, in: H-Soz-u-Kult, 09.09.2011,
(http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-3-148).

URL zur Zitation dieses Beitrages:
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3847.

Strich - schwarz

Fotografie von Thomas Hoepker – 11. September 2001

Thomas Hoepker

Folgende Abbildung habe ich im Netz gefunden: Thomas Hoepker: »Blick von Williamsburg auf Manhattan. Brooklyn. 11. September 2001«
(Copyright: Thomas Hoepker/Magnum, Courtesy C/O Berlin.)

Wahnsinn, diese Szene… Immer wieder, wenn ich dieses Foto anschaue, erinnere ich mich genau an den Tag.

Ich besitze keine Rechte an diesem Bild. Die Veröffentlichung hier dient allein wissenschaftlichen Zwecken.

Literaturhinweis – »Ikonographie des Terrors?«

Norman Ächtler & Carsten Gansel (Hrsg.): Ikonographie des Terrors? Formen ästhetischer Erinnerung an den Terrorismus in der Bundesrepublik 1978-2008. Heidelberg: Winter, 2010 [Beiträge zur neueren Literaturgeschichte 273].

Cover von "Ikonographie des Terrors?"

Hier zur Ankündigungsseite und weiteren Informationen zum Herausgeber Norman Ächtler.

Tagungsbericht – »9/11 Ten Years On«

9/11 Ten Years After: History, Narrative, Memory
14.07.2011-15.07.2011, Munich

Bericht von:
Nikolaus Wirth, Bavarian American Academy
E-Mail: <mzwingenberger[at]amerika-akademie.de>

Immediately after the terrorist attacks on the World Trade Center in New York and the Pentagon in Washington D.C., September 11th, 2001 was called “the day that changed everything”. In the weeks and months following the events a consensus emerged that 9/11 indeed had been a historical rupture. “9/11” thus became a universal cipher that evokes images of violent rupture and change. The ramifications and reverberations of 9/11, it seems, changed the world forever.

Ten years after the events of 9/11, a conference at the Amerika Haus in Munich, organized by Birgit Däwes (Mainz), Volker Depkat (Regensburg), Philipp Gassert (Augsburg) and Meike Zwingenberger (München), supported by the Fritz Thyssen Foundation, the U.S. Consulate General Munich and the Alumni Organization of the Amerika-Institut München took an interdisciplinary approach to the topic, exploring its historical and political context, the discourses about 9/11 in literature, film and music as well as the official and unofficial narratives and sites of memory that have been created in its aftermath. Do the terrorist attacks of September 11th constitute a worldwide caesura? Who could be interested in putting forward such a version of 9/11? And for whom does this claim actually hold true? With the help of historians, political scientists as well as scholars from the fields of cultural and literary studies, the conference tried to work through some of these questions.

The conference began with a workshop for students from the Universities of Regensburg and Augsburg. Prior to the conference these students had been part of a seminar on 9/11 at their respective universities. The workshop focused on key terms and questions that had been raised in the course of the semester and that were seen as vital to the understanding of 9/11. Among the topics discussed were such diverse issues as the representations of 9/11 in literature and film, religion and politics after 9/11, the memorialization at Ground Zero and the War on Terror. One of the central questions raised was that of 9/11 as a socio-political and cultural caesura, an argument of which all three conveners were highly critical. Volker Depkat (Regensburg), in referring to keynote speaker David Simpson, argued that the time for a final assessment of this question has not yet come. Birgit Däwes (Mainz) pointed out the difficulties of adequately representing 9/11 that scholars have to overcome. Philipp Gassert (Augsburg) highlighted the various continuities of 9/11 that contradict the argument that 9/11 constitutes a rupture.

The conference was officially opened by DAVID SIMPSON (Davis) who delivered an evening keynote lecture on “A Question of Timing: Ten Years After”. Simpson addressed the difficulties of novelists in finding an adequate language for representing 9/11. Ten years after the attacks of September 11th, writers are still assessing the impact of the events, as Simpson observed, without having come up with definite answers. Novelists have, in the words of Martin Amis, been “playing for time”, and rightly so, Simpson argued. Ten years ago televised images of the terrorist attacks in Washington and New York dominated the coverage. Nonetheless it was words that fulfilled the need to make sense of these unthinkable events, words that were able to “show the invisible, speak the unspeakable”, Simpson explained. Writers like Jonathan Safran Foer or Frédéric Beigbeder have been creating strong and disturbing images, such as the famous “Falling Man”, that the mainstream media either accidentally missed or willfully left out. By the same token, being at odds with dogma and totalitarianism, literature can encourage patience for resolving problems and making sense of things, an ability that Gayatri Spivak called “the uncoercive rearrangement of desires.” However, beside the encouragement of patience, Simpson pointed out, literary responses to 9/11 and its aftermath can also bear a sense of urgency. As the various examples of anti-Iraq-War poetry proved, literature has the ability to hold war up to a critical justice. Patience and urgency work hand in hand to counteract the fixed images and narratives of 9/11.

The first panel on Friday focused on “9/11 in the Debates of Historians and Political Scientists.” JÜRGEN WILZEWSKI (Kaiserslautern) showed how the Bush administration’s War on Terror became such a failure, because it was limited to a hard power response to the terrorist attacks. Scandals like those at Abu Ghraib and Guantanamo could be interpreted as “systemic failures” of a national security narrative that undermined worldwide trust in the United States. Likewise, Wilzewski argued, President Obama’s smart power approach could not compensate for the “creeping militarization” of U.S. politics that has its roots in the National Security Act of 1947. To close the credibility gap in U.S. foreign and security policy, Wilzewski suggested, the United States should come up with a new strategic narrative that balances hard and smart power and encourages the consistent practices of those values at home the U.S. wants to spread abroad. JOANNE MEYEROWITZ (New Haven) explored the various ways in which historians have tried to come to terms with 9/11. While the media stressed the historic rupture of 9/11, historians have by and large focused on historical analogies, ranging from Pearl Harbor to anarchist bombings of the late 19th century. Both interpretations were, in the words of Meyerowitz, “off base.” But what then do we make of the attacks? While admitting that 9/11 was not completely new and had historical precedents, Meyerowitz emphasized the need to “tell the joint story of 9/11”, a story that not only takes place in the realms of high politics but also includes oral history accounts of the day that supposedly changed the world.

Leaving the field of historians and political scientists behind, the second panel dealt with “Representations of 9/11 in Literature and Film.” JEFFREY MELNICK (Amherst) investigated how official discourses about 9/11 were shaped by the will to construct a patriotic narrative that seemingly glossed over any racial grievances while at the same time creating a dichotomy between (white) American victims and “Middle-Eastern-looking” terrorists. Melnick pointed out how African American, Muslim and Asian artists, musicians and politicians reached out to each other in their “resistance to the constructed distance” after 9/11. He cited powerful examples of this transnational, counter-discursive triangle, ranging from African American Congresswoman Barbara Lee, who solely voted “No” on the Authorization for Use of Military Force Against Terrorists Resolution (ALTERNATIV: from African American rap artist NAS whose song “What Comes Around” can be read as a scorching criticism of recent U.S. foreign policy), to British-born musician M.I.A. who responds in her music videos to the “anti-immigrant bias” that has infested parts of U.S. society since 2001. KRISTIAAN VERSLUYS (Ghent) in his talk explored the discursive responses of European novelists to 9/11, an event that, in his words, had left the world in a state of “global trauma.” The difficulties of disentangling the actual events of September 11th from the mediated images and predominant narratives of that same day, presents writers with a problem they have struggled to overcome. Novels such as Luc Lang’s “11 Septembre Mon Amour,” Frédéric Beigbeder’s “Windows on the World” and Ian McEwan’s “Saturday” have found different ways to represent the mediated ramifications and reverberations of 9/11. However, to fully understand the ways in which 9/11 has seeped into the global cultural unconsciousness, Versluys argued, literary scholars need to develop a new discursive framework.

The final panel drew attention to the multifaceted process of “Remembering and Memorializing 9/11” that found its expression in a multitude of official as well as unofficial sites of memory. DEVIN ZUBER (Berkeley) reminded the audience of the over-patriotic narrative that invoked religious rhetoric in the act of remembering the victims of 9/11. Ground Zero in this context was turned into a sacred space, linked to other sites of American memory such as Gettysburg battlefield. Based on a foundational sacrifice (“Bauopfer”), the sacred space is often demarcated by an axis mundi, a perfect example of which can be found in the “Tribute in Light” project that was created in 2002. In contrast to this sacred space, various street artists, among them photographer Paul Chan and the British graffiti artist Banksy, have created counter-images on the streets of New York that deliberately occupy this profane space. Having become a global phenomenon, street art provides activists with “one of the few uncensored channels” to countervail official versions of 9/11-memory and pseudo-religious sanctimony. INGRID GESSNER (Regensburg) showed how official sites of memory such as the Ground Zero memorial “Reflecting Absence”, the Pentagon Memorial in Washington D.C. and various other sites throughout the world perpetuate a certain version of remembering 9/11. Despite the proclaimed rupture of the events, memorial sites indicate a continuation of patterns. In contrast to the policies at official memorial sites, Gessner argued for a “more discursive and democratic” process of building sites of memory that takes the unfixed, grassroots narratives of 9/11 into account. Only those memorials could become sites that foster renewal and catharsis.

A public panel discussion chaired by Volker Depkat and Philipp Gassert concluded the conference. Sharing the panel with U.S. Consul General CONRAD R. TRIBBLE and author MATHIAS BRÖCKERS, Gassert and Depkat provided an assessment of the impact of “9/11 in Transatlantic Perspective.” Bröckers, who is the author of several books on 9/11 and the conspiracies that surround it, was highly critical of the report of the official 9/11 Commission. He also pointed to the anti-terrorism legislation after September 11th as taking advantage of this terrible catastrophe. Asked about the German-American relationship since 2001, Tribble concluded that neither the terrorist attacks nor the Iraq War had severely damaged the close ties between the two countries. He also pointed out that German-American relations are now in better shape than they had been for many years; while Depkat stressed the existence of an “emotional gap” between the two countries that crystallized after 2001. Gassert underscored that the transatlantic relationship had always gone through extended periods of crises, but also shown a growing degree of transnational cooperation, which is independent of governments. All four panel members agreed that the proclaimed rupture after 9/11 has to be put in perspective. Neither the terrorist attacks themselves nor the anti-terrorism legislation that followed 9/11 were completely new phenomena. Ten years after the events of September 11th, the time for a final assessment seems not yet to have come.

Conference Overview:

Keynote
David Simpson (University of California, Davis): A Question of Timing: Ten Years After

Panel I: 9/11 in the Debates of Historians and Political Scientists
Chair: Philipp Gassert (University of Augsburg)
Jürgen Wilzewski (Technical University Kaiserslautern): 9/11, The National Security State and America’s Decline
Joanne Meyerowitz (Yale University): History, Historians, and an Emerging Consensus on September 11th

Panel II: Representations of 9/11 in Literature and Film
Chair: Birgit Däwes (University of Mainz)
Jeffrey Melnick (University of Massachusetts): 9/11 Triangles: Projecting Unity in American Film and Music After the Fall
Kristiaan Versluys (University of Ghent): 9/11: American and European Discursive Responses

Panel III: Remembering and Memorializing 9/11
Chair: Volker Depkat (University of Regensburg)
Devin Zuber (Pacific School of Religion, Berkeley): Sanctimony, Memorials and Sanctification: the Sacred and Profane in Re-membering Ground Zero
Ingrid Gessner (University of Regensburg): Continuity or Change? The Aesthetics of Remembering 9/11

Panel Discussion: 9/11 in Transatlantic Perspective (in German)
Moderators: Volker Depkat, Philipp Gassert
Guests: Consul General Conrad R. Tribble (U.S. Consulate General Munich); Mathias Bröckers (Journalist and Author)

Tagungsbericht: 9/11 Ten Years After: History, Narrative, Memory. 14.07.2011-15.07.2011, Munich, in: H-Soz-u-Kult, 15.10.2011, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3838.
Hier können Sie den Tagungsbericht als PDF einsehen.

Arata Takeda: »Ästhetik der Selbstzerstörung«

Arata Takeda, Lehrbeauftragter an der Eberhard Karls Universität Tübingen und jetzt am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien tätig, hat eine wichtige Forschungsarbeit über die Märtyrer- und Selbstmordattentäterfigur in der abendländischen Literatur veröffentlicht.

Arata Takeda: Ästhetik der Selbstzerstörung. Selbstmordattentäter in der abendländischen Literatur. München: Wilhelm Fink, 2010.

Arata Takeda - Ästhetik der Selbstzerstörung - Buchcover

Informationen zum Autor auf den Seiten der Eberhard Karls Universität Tübingen und dem IFK in Wien. Hier Informationen zur Publikation beim Verlag Wilhelm Fink.

Gegenwärtige Terrorismusforschung

Hier eine kleine Übersicht aktueller Forschungsprojekte zum Thema:

Dana Bönisch forscht an der Universität Bonn zum Thema „Das Verlöschen der Welt in den Bildern. Terror und Kunst im 20. und 21. Jahrhundert“.

Heide Reinhäckel forscht an der Universität Gießen zum Thema „Traumatische Texturen. Der 11. September in der deutschsprachigen Literatur“.

Hendrik Blumentrath forscht am Graduiertenkolleg „Mediale Historiographien“ zum Thema „Verblassende Feinschaft. Zur Medialität einer Feindschaftsgeschichte des Terroristen“. [Die betreffenden Seiten im Netz wurden leider gelöscht.]