Monatsarchiv: Dezember 2011

Wo warst Du am Septembertag?

Cover - "Wo warst Du?" - Alexander Osang und Anja Reich

Der 11. September 2001 hat den bleibenden Eindruck eines Einschnittes oder einer biographischen Zäsur hinterlassen. Besonders die kurz nach den Anschlägen erschienenen literarischen Texte zeigen Merkmale eines persönlich gehaltenen Krisenprotokolls. Nun ist, zehn Jahre danach, ein weiterer Text erschienen, der diese ganz persönliche Dimension in den Mittelpunkt stellt. Die beiden Journalisten Alexander Osang (damals SPIEGEL-Korrespondent) und seine Frau Anja Reich befanden sich am 11. September 2001 in New York. Osang entschied sich, wo alle Manhattan verlassen wollten, in entgegengesetzter Richtung dem Schrecken entgegenzulaufen. In „Wo warst Du? Ein Septembertag in New York“ schildern die beiden Autoren eindrücklich, welche Auswirkungen die tosenden Ereignisse ganz konkret auf ihr Leben, ihre Familie und die begleitenden existentiellen Fragen haben – die nun im Angesicht des Schreckens besonders hervortreten. Hinzu kommen ethische Fragestellungen den Berufsstand des Journalisten betreffend, der, krass formuliert, gerade in solchen Situationen vom Schrecken anderer zu leben scheint.

Alexander Osang & Anja Reich: Wo warst Du? Ein Septembertag in New York, München & Zürich, 2011.

Eine Besprechnung von „Wo warst Du?“ fand ebenfalls in der FAZ statt: Constanze Neumann: Die Entscheidung, in die falsche Richtung zu laufen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 291, 14.12.2011; S. 30.

Weitere Informationen zur Publikation direkt beim Piper-Verlag.
Hier können Sie einen Beitrag zu „Wo warst Du?“ („Buch der Woche“) im Freitag lesen. Hier geht’s zur Buchbesprechung beim Deutschlandfunk.

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9/11-Literatur – aktualisiert (12. Dezember 2011)

Die bibliographische Liste mit deutscher 9/11-Literatur wurde um weitere wichtige Einträge zu feuilletonistischen Texten erweitert!

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Terrorismus und Kriminalliteratur

Natürlich wird der Terrorismus immer wieder von der deutschen Kriminalliteratur aufgegriffen. Von Martin Maurers Thriller „Terror“ (Dumont) war schon in einem früheren Blog-Eintrag die Rede. Ebenfalls zu erwähnen wären hier Yassin Musharbashs „Radikal“ (Kiepenheuer&Witsch) und Horst Eckerts bereits 2009 erschienener Thriller „Sprengkraft“ (grafit). Der Düsseldorfer Krimiautor Horst Eckert verknüpft darin einen vermeintlich islamistisch motivierten Anschlag in der Bundesrepublik mit den Machenschaften einer rechtsgerichteten politischen Partei.
Der Roman spielt die Frage durch: Was wäre, wenn in Deutschland eine Bombe von Islamisten explodieren würde? – Bis jetzt ist Deutschland ja von einem solchen Attentat verschont geblieben, obwohl es Versuche gab – beispielsweise durch die Kofferbomber von Köln oder die Sauerland-Gruppe (deren Mitglieder lange vor ihrer Festnahme beschattet wurden).
Eckert versteht es, aktuelle Themen in einem spannenden Plot mit glaubhaften Figuren zu verbinden, die nicht nur von Berufs wegen, sondern immer auch persönlich in die Sache involviert sind. In „Sprengkraft“ ist der ermittelnde, ehemals beim Kriminalkommissariat 15 (Drogendelikte) tätige Kriminalhauptkommissar Martin Zander zwangsversetzt worden, weil in seiner Abteilung ein Maulwurf vermutet wurde. „Seine bisherige Dienstgruppe war wegen Unregelmäßigkeiten aufgelöst worden und an neuer Wirkungsstätte musste sich Zander erst einmal um eine bella figura bemühen.“ Kriminaldirektor Benedikt Engel, Zanders ehemaliger Chef, übt Druck auf Zander selbst aus, das Leck zu finden. Dieser wiederum ermittelt gerade mit seinen ganz eigenen Methoden in einem mehr als ein Jahr zurückliegenden Mordfall, der ihn vielleicht auch zum Maulwurf führen könnte. Da explodiert in einer Düsseldorfer Hinterhofmoschee eine Bombe. Schnell wird vermutet: Es kann nur eine islamistisch motivierte Tat gewesen sein. Eckerts spannender Kriminalroman führt eindrücklich vor, wie die gesellschaftliche Stimmung schlagartig zu kippen droht. Eine rechtspopulistische Partei bekommt Aufwind.  Im Hintergrund agieren reiche Industrielle mit einem obskuren Hang zu alten Nazi-Reliquien. Am Ende kommt natürlich alles ganz anders, wie es sich für einen guten Krimi gehört. Der Täter wird gefasst. Aber die Gefahr eines islamistischen Anschlags ist noch lange nicht gebannt… Horst Eckert versteht es, die einzelnen Figuren, ihre Gedanken und Probleme in ihrem jeweils ganz eigenen Idiom ungeheuer plastisch werden zu lassen. Nie verliert man trotz eines größeren Personenensembles und plötzlichen Plotwendungen die Übersicht und nie wird es langweilig.

Am Donnerstag, den 8. Dezember hat Horst Eckert in der wunderschönen Atmosphäre der neu eröffneten Buchhandlung „transfer. bücher und medien“ in Dortmund-Hörde (ein inhabergeführter Buchladen – wo gibt’s das noch?) aus „Schwarzer Schwan“, seinem neuen Roman nach „Sprengkraft“ gelesen. Hier erhalten Sie weitere Informationen zu Horst Eckert auf seiner eigenen Seite und beim Dortmunder grafit-Verlag. Hier sind ein paar Eindrücke der abendlichen Lesung mit Horst Eckert.

Lesung - Horst Eckert↑ Noch ist der Tisch verwaist – der Autor wird gleich erscheinen.
Lesung - Horst Eckert↑ Die Eintrittskarte zur Buchhandlung „transfer. bücher und medien“ an der Schlanken Mathilde in Dortmund-Hörde.
Lesung - Horst Eckert↑ Und da ist Horst Eckert auch schon – und er legt gleich los.
Lesung - Horst Eckert↑ Der Autor in Aktion.
Lesung - Horst Eckert↑ Horst Eckert liest aus „Schwarzer Schwan“, seinem neuen Roman, erschienen im Dortmunder grafit-Verlag.
Lesung - Horst Eckert↑ Die abendliche Lesung fand in der wunderbar modernen und freundlichen Atmosphäre der im Juli 2011 neu eröffneten Buchhandlung „transfer. bücher und medien“ in Dortmund-Hörde statt. Hier oben das Plakat zur Lesung.
transfer. bücher und medien ↑ Besuchen Sie auch die Internetpräsenz von „transfer. bücher und medien“!

Bibliographische Angaben zu den drei oben genannten Titeln:
Horst Eckert: Sprengkraft, Dortmund, 2009.
Martin Maurer: Terror, Köln, 2010.
Yassin Musharbash: Radikal, Köln, 2011.

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Publikationsreihe »Zehn Jahre 11. September 2001«

Im Universitätsverlag WINTER Heidelberg sind mittlerweile vier Bände zum Thema ,Nine/Eleven’ erschienen.

Universitätsverlag Winter Heidelberg - Flyer

Birgit Däwes: Ground Zero Fiction. History, Memory and Representation in the American 9/11 Novel, Heidelberg, 2011.

Stephanie Hoth: Medium und Ereignis. ,9/11′ im amerikanischen Film, Fernsehen und Roman, Heidelberg, 2011.

Ingo Irsigler & Christoph Jürgensen (Hrsg.): Nine Eleven – Ästhetische Verarbeitungen des 11. September 2001, Heidelberg, 2011.

Irina Bauder-Begerow & Stefanie Schäfer (Hrsg.): Learning 9/11, Teaching for Key Competences in Literary and Cultural Studies, Heidelberg, 2011.

Matteo Galli & Heinz-Peter Preusser (Hrsg.): Mythos Terrorismus.  Vom Deutschen Herbst zum 11. September, Heidelberg, 2006.

Hier erhalten Sie weitere Informationen auf den Seiten des Verlags im Netz.

Sebastian Baden (Hrsg.): »TERMINATOR«

Folgender Band vereint kunstwissenschaftliche Aufsätze zum Thema der Zerstörung. Dabei widmen sich zwei Beiträge auch den Ereignissen und Bildern vom 11. September 2001.

Sebastian Baden (Hrsg.): Terminator – die Möglichkeit des Endes. Bewältigung und Zerstörung als kreative Prozesse Bildender Kunst, Literatur und Musik, Karlsruhe/Bern 2008.

"Terminator - Die Möglichkeit des Endes" - Cover

Hier weitere Infos zum Herausgeber Sebastian Baden (http://kunstwissenschaften.hfg-karlsruhe.de/users/sebastian-baden).

Tagungsankündigung – »Re-Visioning Terrorism«

RE-VISIONING TERRORISM
An Interdisciplinary and International Conference
SEPTEMBER 8-10, 2011 – Purdue University
Sponsored by the Office of the Vice Provost for Research and the College of Liberal Arts

Re-Visioning Terrorism Conference - Poster

We are inviting papers and/ or panel proposals for a 3 day conference on re-visions and re-presentations of Terrorism, to coincide, roughly, with the 10th anniversary of the terrorist attack directed at the World Trade Center in New York on September, 2001.

To paraphrase Supreme Count Justice Potter Stewart’s comments concerning pornography in his opinion in Jacobellis v. Ohio (1964), “We can’t define what terrorism is, but we know it when we see it.” We all know what terrorism is given the clear images we have in our mind’s eye of the airplanes crashing into New York’s Twin Towers. And we all know what terrorists look like. Or at least we think we do. For the past decade we have seen the pictures of Osama Bin Laden and his Al Qaeda followers on countless TV shows, newspapers, and magazines. Those are the visions we have. It has not always been thus. The fortunes of terrorism have waxed and waned over the centuries. While established governments have always railed against “terrorists,” frequently at least significant portions of local populations have sympathized with them. With the attack on the Twin Towers on what has come to be known as 9/11, suddenly terrorism came to be considered the manifestation of evil incarnate. It was no longer a subject which could be studied objectively and dispassionately. Its destruction, whatever it was and is, became, as President Bush called it, a “crusade” and as such warranted the expenditure of limitless resources and the sacrifice of hundreds of thousands of lives, most of which were unquestionably innocent. After a decade of war against an enemy we are no closer to being able to identify today than we were in 2001 and having achieved none of our stated objectives, with the exception of the removal of Saddam Hussein and the Bath party in Iraq, it is perhaps finally time to “re-vision” terrorism, that is, to look at it once again, to see how it has been perceived and depicted over the centuries in literature, art, theater, and most recently, in the audio-visual media.

While we do not expect to find a unitary definition of and/or explanation for terrorism, what we do hope to accomplish by asking the most diverse questions, questions that can best be addressed by scholars in the most disparate fields of research, is to begin a discussion which will encourage a more flexible response to one of the most serious problems confronting the United States and the world today.

The conference organizers invite papers that, from different disciplines and perspectives, address how terrorism has been perceived and depicted in literature, art, theater and, most recently, in the audio-visual media from antiquity to the present by asking, among others, the following questions:

  • Can terrorism be defined as only the actions of a relatively small group of irrational malcontents against the state?
  • Can terrorism describe the deliberate actions taken by a state against individuals and minorities?
  • Can actions taken against an enemy foreign state be considered terrorism?
  • Can one legitimately say that one person’s terrorist really is another’s freedom fighter?
  • What are the objectives of terrorism?
  • Who and what are the targets of terrorism?
  • Does terrorism have to have a political objective?
  • Can a profit-driven criminal activity be considered terrorism?
  • Are terrorists cowards or heroes?
  • What motivates terrorists?
  • Can terrorism best be confronted and suppressed by waging war or by police actions?
  • Can cyber-terrorism be considered actual terrorism?
  • Can economic terrorism be considered actual terrorism?
  • How have societies dealt with terrorism over time?
  • How are terrorist events represented in art, literature, theater, and cinema?
  • What is the relationship between terrorism and the popular media?
  • What should the role of the intellectual be vis a vis terrorism?
  • What is the American perception of terrorism post 9/11?
  • How does this perception coincide or differ from that of peoples of other nations and other regions of the world?
  • Is it possible to openly question American anti-terrorism and counter-terrorism post 9/11?
  • What has the impact of 9/11 been on American laws and civil liberties?

The international symposium and its year-long focus on representations of terrorism in literature, art, theater, and film and television, will demonstrate that arts and humanities faculty do indeed engage in this highly relevant issue, and that our approaches contribute meaningfully to recovering elements of our quality of life that have been jettisoned in the post-9/11 era. The published volume which will follow will serve as an example to researchers in the US and abroad who will continue to speak out on this issue, which is often framed in terms of security, but seldom in terms of humanistic values.

For further information please contact Ben Lawton and Elena Coda at lawton@purdue.edu.

Das detaillierte Tagungsprogramm können Sie hier einsehen.

Ilija Trojanow/Juli Zeh: »Angriff auf die Freiheit«

„Wir wollen Sie warnen“
Der folgende Band ist zwar schon vor einiger Zeit erschienen und dennoch sollte „Angriff auf die Freiheit“ (2009 veröffentlicht) vom Autorenduo Ilija Trojanow/Juli Zeh hier erwähnt werden. In dem politischen Pamphlet geht es um die beängstigenden Entwicklungen im Zuge des „Krieg gegen den Terror“. – Solche Schriften gibt es doch zur Genüge, mögen manche denken. Das stimmt natürlich. Die Liste mit alarmierender Literatur über die Einschränkungen der Freiheitsrechte nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ist lang, vieles davon kann man getrost ignorieren. „Angriff auf die Freiheit“ sticht aber aus der Menge an Veröffentlichungen heraus. Der brilliant geschriebene Text wendet sich direkt an den Leser und skizziert mit drastischen Szenenentwürfen, Suggestivfragen, ironischen Wendungen und blankem Spott ein erschreckendes Bild gegenwärtiger Überwachung. Dabei haben sich die beiden Autoren nicht nur  wie viele andere Texte dazu hinreißen lassen, auf die Missstände hinzuweisen. Ganz am Ende beinhaltet der Text einen eindeutigen Appell und konkrete Handlungsanweisungen, wie der wachsame Bürger gegen die fragwürdigen Entwicklungen steuern kann.

Ilija Trojanow/Juli Zeh: Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte. Frankfurt/Main u. a. O.: Büchergilde Gutenberg, 2009.

Trojanow/Zeh - "Angriff auf die Freiheit" - Cover

(Abb.: Buchcover der Lizenzausgabe bei Büchergilde Gutenberg.) Bei der Büchergilde Gutenberg finden Sie auch ein Interview mit beiden Autoren.

Hier ein treffendes Zitat aus dem Band:

„Wir sind dabei, unsere persönliche Freiheit gegen ein fadenscheiniges Versprechen von »Sicherheit« einzutauschen. Die gegenwärtige Gleichgültigkeit im Umgang mit der Privatsphäre lässt ahnen, wie Staat und Konzerne in Zukunft über uns verfügen werden, sollten wir ihnen erlauben, noch umfassendere Instrumente der Kontrolle einzuführen.“ (Trojanow/Zeh: Angriff auf die Freiheit; 127.)

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