BUCH – »POETIK DES TERRORS«

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POETIK DES TERRORS
Politisch motivierte Gewalt in der deutschen Gegenwartsliteratur

Religöser Terrorismus ist eines der zentralen Themen unserer Zeit. Wie denken und schreiben deutsche Gegenwartsautorinnen und -autoren darüber und in welcher Form findet Terrorismus Eingang in die Literatur?

Religiöse Selbstmordattentäter machen uns sprachlos. Wie aus dem Nichts tauchen sie auf, scheinbar geistesgestörte, selbstherrliche Einzeltäter, die viele mit in den Tod reißen und sich am Ende selbst richten. Kulturelle Erklärungsmuster und biographische Analysen schlagen fehl. Die Frage, wie einer zum Terroristen wird, scheint nicht beantwortbar.
Michael König untersucht Romane, Thriller und biographische Erinnerungen, in denen deutsche Gegenwartsautoren versuchen, dem undurchdringlichen Phänomen und seinen Urhebern näher zu kommen. Ergänzend zur literaturwissenschaftlichen Analyse berichten zehn Autorinnen und Autoren – unter ihnen Ulrike Draesner, Sherko Fatah, Gerhard Seyfried, Ulrich Peltzer und Michael Wildenhain – in Interviews über ihre Probleme beim Schreiben über Terroristen und den erzeugten Terror. Sie kennzeichnen ihre eigenen Texte als engagierte Literatur, die im Zuge von weltumspannenden Überwachungsmethoden und einer zunehmenden Beschneidung von Bürgerrechten wieder dezidiert politisch geworden ist. Gegen mediale Generalisierungen rücken sie das Individuum in den Mittelpunkt der literarischen Betrachtung. Denn Attentäter und Terroristen sind am Ende keine »Monster« oder »Gespenster«, sondern Menschen.

Michael König: Poetik des Terrors. Politisch motivierte Gewalt in der deutschen Gegenwartsliteratur, Bielefeld: transcript, 2015.
514 Seiten, kart. | ISBN 978-3-8376-2987-3 | Preis 49,99 €

Inhaltsverzeichnis

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Die Publikation ist das Ergebnis meines Dissertationsvorhabens. Hier finden Sie ältere Informationen zum Forschungsprojekt (Projektskizze).

DAS DISSERTATIONSVORHABEN
Projektskizze

Auch eine Dekade nach den Anschlägen vom 11. September 2001 bestimmen die Folgen nach wie vor die aktuellen politischen und kulturellen Debatten. Dies zeigen nicht nur die Diskussionen um die Ergreifung stattlicher Präventivmaßnahmen und die Einschränkung der Privatsphäre im Zuge der Terrorabwehr. Der Wandel von der »Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft« (Metelmann/Hempel*) nimmt immer stärkere Konturen an.
Das Dissertationsvorhaben will in Zeiten von Verunsicherung und Aufrüstung den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Wandel und Rezeption des Terrorismus-Phänomens in der deutschen Gegenwartsliteratur untersuchen. Wie wird Terrorismus poetisch wahrgenommen? Welche ästhetischen Auswirkungen hat der dargestellte Terror als vermeintliche Bedrohung oder kulturelle Störung? Wie wird auf die gesellschaftlichen und wahrnehmungstheoretischen Entwicklungen (Einschränkung der Bürgerrechte, Paranoia) reagiert? Welche Positionen werden im stark politisch-moralisch gefärbten Diskurs eingenommen?
Das Forschungsprojekt stellt diejenigen Terror- und Gewalttexte in den Mittelpunkt der Analyse, die nach dem 11. September 2001 erschienen sind und sich allgemein mit politisch motivierter Gewalt in Form des Terrorismus auseinandersetzen oder in denen terroristische Anschläge und die damit zusammenhängenden Täterbiographien im Mittelpunkt stehen.

Das literaturwissenschaftliche Forschungsvorhaben wurde von Prof. Dr. Moritz Baßler (Westfälische Wilhelms-Universität Münster) und Prof. Dr. Volker Mergenthaler (Philipps Universität Marburg) betreut.

Projekt-Cover "Poetik des Terrors"

(* Jörg Metelmann & Leon Hempel (Hrsg.): Bild – Raum – Kontrolle: Videoüberwachung als Zeichen gesellschaftlichen Wandels, Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2005.)

INTERVIEW
Fragen und Antworten zum Dissertationsprojekt
»Poetik des Terrors«

Was ist die Kernfrage des Forschungsprojekts?
Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Frage, wie heute – abseits von den Ereignissen vom 11. September 2001, aber unter den Auswirkungen einer permanenten Präsenz des Terrorismus – das Phänomen und seine Folgen literarisch verhandelt werden. Wie also gegenwärtige Autoren über den aktuellen Terrorismus schreiben.

Wer soll die Dissertation lesen, wenn sie fertig ist?
Die Arbeit wendet sich an alle, die sich dafür interessieren, wie in der gegenwärtigen deutschen Literatur, die in den vergangenen zehn Jahren etwa erschienen ist, Terrorismus, der von diesem erzeugte Terror sowie Attentäterfiguren und politisch motivierte Morde allgemein literarisch dargestellt und diskursiv verhandelt werden. Die Arbeit richtet sich an Literatur- und Kulturwissenschaftler gleichermaßen.

Gibt es nicht schon genügend Literatur über den 11. September 2001 und dessen Folgen?
Das mag, zieht man die unglaubliche Anzahl von politischen Erörterungen in Betracht, sicher stimmen. Und auch für die Literatur- und Kulturwissenschaften ist das zutreffend. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Sammelbänden und Monographien, die sich mit Nine/Eleven beschäftigen. Eine Arbeit über die »Terrorismus«-Literatur allgemein, abseits der Ereignisse in Manhattan, steht aber noch aus. Diesen aktuellen Beitrag will ich liefern.

Welche Probleme tauchen bei der Beschäftigung mit dem Thema auf?
Das ist einfach zu sagen: die schiere Materialfülle. Terrorismus ist ein ubiquitäres Phänomen und immer noch ein nur äußerst vage definierter Begriff. Die Bezeichnung wird immer dort verwendet, wo eine eindeutige Bestimmung und politische Einordnung unmöglich scheint. Die Folgen des Terrorismus werden von uns als äußerst vielseitig wahrgenommen. Die Literatur selbst hat demgegenüber ja den Vorteil, dass sie nicht definieren muss, worüber sie schreibt. So überrascht es nicht, dass der Terrorismus auch genauso komplex in der gegenwärtigen Literatur verhandelt wird.

Welche Autoren werden behandelt?
Ich schaue mir ausschließlich deutsche Gegenwartsautoren an. Nach einer kurzen Einführung zur (Begriffs-)Geschichte des Terrorismus folgen 13 Einzelanalysen, in denen die Terrorismusdarstellungen näher unter die Lupe genommen werden und – was sich als interessant herausgestellt hat – die Verbindungen zwischen den fiktionalen Texten und aktuellen politischen Debatten verdeutlicht werden. Die Autoren können als Seismographen der politischen und gesellschaftlichen Folgen des Terrors verstanden werden. Es handelt sich bei der gegenwärtigen »Terror«-Literatur immer um ein Schreiben in aktueller Zeitgenossenschaft – manchmal mit prophetischem Charakter. Christoph Peters’ Roman »Ein Zimmer im Haus des Krieges«, erschienen 2006, handelt von einem deutschen Konvertiten und berührt damit ein Phänomen, das uns genau jetzt umtreibt. Momentan rätseln wir, wie viele gewaltbereite junge Männer, und zwar nicht nur solche mit einem muslimisch geprägten Migrationshintergrund, als Kämpfer in Syrien, im Irak und im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet für den Terror leben und sterben. Peters’ Roman zeigt an einer fiktiven Terroristenfigur, wie unerreichbar solche Kämpfer für unsere Argumente und Weltvorstellungen sind.

Folgende Autoren werden behandelt: Ulrike Draesner, Horst Eckert, Sherko Fatah, Ulrich Peltzer, Christoph Peters, Gerhard Seyfried, Hilal Sezgin, Enno Stahl, Michael Wildenhain und Raul Zelik. In Interviews, die als Anhang die literaturwissenschaftliche Analyse ergänzen, frage ich die genannten Autoren ganz konkret zu ihrer Arbeit und ihren Problemen beim Schreiben über den Terrorismus.

Welche Ergebnisse können Sie bis jetzt ausmachen?
Ich habe einige Erkenntnisse aus der Analyse gegenwärtiger »Terror«-Texte gewonnen. Was mich am meisten verwundert hat, ist Folgendes: Eine explizite Splatter- und Gewaltästhetik ist in den gegenwärtigen Terrorismus-Romanen nicht zu finden. Ich hatte angenommen, dass es nach den verheerenden Bildern vom 11. September vor allem absolut erschreckende Terrorismusdarstellungen geben würde. Zweitens kann, auch das hatte ich in einer solchen Intensität nicht angenommen, die Zeit der Studentenrevolte und der Beginn des deutschen Linksterrorismus (Rote Armee Fraktion, Bewegung 2. Juni, Tupamaros München etc.), immer noch als absolut wichtiger Bezugspunkt angesehen werden. Ohne den Rekurs auf die 68er und die daraus entstandenen militanten Gruppierungen kommen deutsche Gegenwartsautoren, auch wenn sie über einen aktuell islamistisch motivierten Terrorismus schreiben, nicht aus.

 

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