Monatsarchiv: Januar 2012

Erinnerungen – CNN.com am 11. September 2001

CNN Page on September 11(Abbildung: Mein Screenshot von CNN.com vom 11. September 2001.)

Immer wieder erinnern sich Menschen, auch zehn Jahre nach den Anschlägen, wo sie genau gewesen sind – am 11. September 2001. Bei mir ist das nicht anders. Ich war im außereuropäischen Ausland und saß am Schreibtisch, bei der Arbeit. Als ich gegen vier Uhr Ortszeit (eine Stunde später als in Mitteleuropa) das Büro verließ, kam eine Kollegin auf mich zu und frage mich, ob ich wisse, was in New York passiert sei. Ich ging zum nächsten Fernseher. An das, was dann folgte – die entsetzlichen Fernsehbilder, die Bildschleife der immer wieder in die Türme rasenden Flugzeuge – kann ich mich nicht mehr richtig erinnern. Ich weiß nur, dass ich, warum auch immer, zurück zu meinem Arbeitsplatz ging, um nach verlässlichen Neuigkeiten über die Ereignisse (von einem Anschlag konnte man damals noch nicht sicher reden) im Internet zu suchen, doch nichts ging mehr. Keine Süddeutsche Zeitung, kein SPIEGEL online, kein CNN. Warum ich dann damals diesen Screenshot von der überlasteten Seite von CNN gemacht habe, den ich jetzt zufällig in meinen alten Dateien wiedergefunden habe, weiß ich nicht.

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Martin Steinseifer: »›Terrorismus‹ zwischen Ereignis und Diskurs«

Martin Steinseifer Terrorismus-Cover

Im August 2011 ist der Band „›Terrorismus‹ zwischen Ereignis und Diskurs“ von Martin Steinseifer erschienen. Hier eine Rezension des betreffenden Bandes bei H-Soz-u-Kult von Svea Bräunert (sveabraeunert@aol.com), Institut für deutsche Literatur, Humboldt-Universität zu Berlin, vom 03.01.2012:

„Jedes Foto wartet auf eine Bildlegende, die es erklärt – oder fälscht“, so Susan Sontag.[1] Bildlegenden schreiben fest und schreiben vor, obwohl sie dem Bild als solches lediglich zugeordnet sind. Damit erwächst ihnen die eigentümliche Macht, Betrachter/innen zu Leser/innen zu machen und ihr Sehen und Wissen zu lenken. Zugleich geben Bilder den Texten eine Anschaulichkeit und Präsenz, die Worte nur selten erlangen können. Das ist nicht zuletzt bei journalistischen Fotografien der Fall, die schon lange wichtiger Bestandteil der massenmedialen Berichterstattung sind. Was eine solche Interaktion von Text und Bild für die Wahrnehmung des Linksterrorismus der 1970er-Jahre bedeutet, hat Martin Steinseifer in seiner jetzt als Buch vorliegenden Dissertation untersucht. Gegenstand der Arbeit ist die Berichterstattung über die Rote Armee Fraktion (RAF) in den bundesrepublikanischen Printmedien der 1970er-Jahre, wobei sich Steinseifer insbesondere auf die Illustrierten „stern“ und „Quick“ sowie das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ konzentriert. Die Berichterstattungen ausgewählter Tageszeitungen („Bild“, „Welt“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und „Frankfurter Rundschau“) ergänzen das Spektrum.

Das Buch fügt sich in eine Reihe von Veröffentlichungen ein, die sich
mit dem Zusammenhang von RAF und Massenmedien beschäftigen.[2]
Steinseifer folgt diesen Analysen und hebt sich zugleich deutlich von
ihnen ab. Sein Interesse gilt nicht der Medienberichterstattung und
Medienereignisgeschichte allgemein, sondern dem ganz konkreten
Zusammenspiel von Text und Bild. Es geht ihm um die Frage, „welche Rolle
Bilder in der Zusammenstellung mit Texten bei der ereignisbezogenen
Konstitution von Bedeutungen und Evidenzen im Diskursverlauf spielen“
(S. 5). Steinseifers Ziel ist es, das Format Printmedium systematisch
als Gegenstand von Text-Bild-Zusammenstellungen zu ergründen und im Zuge
dessen einen theoretischen Apparat zu entwickeln, der auch über den
konkreten Gegenstand RAF hinaus Gültigkeit beanspruchen kann.

Methodisch stützt sich Steinseifer auf Ansätze aus der Linguistik,
insbesondere aus dem Bereich des amerikanischen Pragmatismus. Wichtigste
Bezugspunkte sind für ihn die Zeichentheorien von Charles Sanders Peirce
und George Herbert Mead. Gerade Peirces Dreischritt von Ikon, Index und
Symbol hat auch außerhalb der Linguistik Karriere gemacht. Die
Kunsthistorikerin Rosalind Krauss hat mit ihrem zweiteiligen Essay
„Notes on the Index“ die Fundamente für jene enge Verknüpfung von
Fotografie und Index gelegt, die das Sprechen über Fotografie bis heute
bestimmt (während Peirce selbst diesen Punkt nur am Rande erwähnte).[3]
Steinseifer kommt auf solche kunsthistorischen Tradierungen der
Peirce’schen Zeichenphilosophie kaum zu sprechen; nur kurz verweist er
auf Roland Barthes‘ Diktum von der Fotografie als Botschaft ohne Code,
auf das sich auch Krauss bezieht. Dennoch folgt er durchaus einem
Verständnis von Fotografie als Index, wenn er beispielsweise von einem
„mit der Technik der Fotografie verbundenen indexikalischen
Evidenzeffekt“ spricht (S. 145). Und er leistet das, was in der
bildwissenschaftlichen Adaption von Ikon, Index und Symbol manchmal
verloren zu gehen droht, nämlich eine sorgfältige Lektüre von Peirces
Schriften (und einer ganzen Reihe weiterer Ansätze), die deren
Komplexität gerecht wird. Das Ergebnis ist ein theoretischer Apparat,
der die Differenzen von Bild und Text wahrt und zugleich anerkennt, dass
ihr Zusammenwirken essentiell ist für das, was sich in und mit den
Printmedien als Vorstellung vom Terrorismus konstituiert.

Zeitlich beschränkt sich Steinseifer in seinen Analysen auf zwei
Zeiträume, die im Hinblick auf die Geschichte der RAF besondere Relevanz
besitzen. Dabei handelt es sich erstens um jene Wochen im Mai und Juni
1972, in denen die RAF ihre erste Anschlagsserie verübte und die meisten
ihrer Mitglieder verhaftet wurden, sowie zweitens um die Ereignisse im
so genannten Deutschen Herbst 1977. Während es bei der Lektüre der
Medienberichte im ersten Fall um die Frage geht, wie Terrorismus als
Ereigniszusammenhang in der öffentlichen Wahrnehmung etabliert wurde,
steht im zweiten Fall „die Konstitution eines Höhepunktes durch die
Einordnung aktueller Ereignisse in einen bereits etablierten
Zusammenhang und dessen weitere Entgrenzung“ (S. 267) im Mittelpunkt. In
beiden Fällen verbindet Steinseifer detaillierte Einzelanalysen mit der
Weiterentwicklung theoretischer Konzepte zum Verhältnis von Text und
Bild. Hierzu bezieht er sich sowohl auf bereits bekannte und in der
Forschung diskutierte Beispiele, wie die Gefangenenbilder von Hanns
Martin Schleyer oder das Format des Fahndungsplakats, als auch auf
Bildtypen, denen bisher nur wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde, obwohl
sie für die öffentliche Wahrnehmung der RAF mindestens ebenso
aufschlussreich sind; hierzu zählen etwa Tatortdarstellungen und
Waffenbilder.[4]

Wie die Lektüren zu diesen Fallbeispielen verdeutlichen, wurden im
Zusammenspiel von Text und Bild Bedeutungen und Evidenzeffekte
konstituiert, die sich im Lauf der Zeit zu Schlüsselbildern der
RAF-Geschichte verdichteten. Steinseifer arbeitet einerseits
wiederkehrende Muster heraus, die sich inzwischen als massenmedial
gestütztes Wissen über die RAF etabliert haben. Andererseits ruft seine
Durchsicht von Printmedien der 1970er-Jahre auch in Erinnerung, dass
neben den Schlüsselbildern anfangs noch eine ganze Reihe weiterer Bilder
existierte, die mittlerweile weitestgehend vergessen sind. Indem
Steinseifer sie als Reproduktionen zugänglich macht, werden Alternativen
sichtbar. Damit wird Steinseifer seinem eigenen Anspruch gerecht, einen
„Beitrag zu einer wissenschaftlichen Historisierung des ‚linken
Terrorismus‘ in der Bundesrepublik Deutschland“ (S. 16) aus der
Perspektive einer Medienereignisgeschichte zu leisten, die sich nicht
darauf beschränkt, „Nacherzählung des bereits in den Medien Erzählten zu
sein, sondern […] sich um die systematische Rekonstruktion von Formen
und Prozessen des Bekannt- und Evidentmachens“ bemüht (S. 20).

Zusammen mit der ausführlichen, in die Bereiche „Theorie“ bzw.
„Terrorismus und Geschichte“ unterteilten Bibliographie sowie den
zahlreichen Abbildungen und Querverweisen präsentiert sich Steinseifers
Buch als materialreiche Publikation, die Leser/innen aus
unterschiedlichen Disziplinen interessieren dürfte. Zwar mag der
methodische Zugang über Ansätze aus dem Bereich des amerikanischen
Pragmatismus gerade für jene Leser/innen fremd sein, die Bild und Text
eher aus kunst- und mediengeschichtlicher Perspektive zu betrachten
gewohnt sind. Doch macht es die Gliederung des Texts möglich, sich je
nach Interesse auf ausgewählte Aspekte zu konzentrieren. Inwiefern der
theoretische Apparat, den Steinseifer unter Rückgriff auf Linguistik,
Medien- und Bildwissenschaft entwickelt, auch auf andere
Ereigniszusammenhänge angewendet werden kann, wird die Zukunft zeigen.
Für den engeren Zusammenhang von RAF und Printmedien hat Steinseifer auf
jeden Fall einen wichtigen Beitrag geleistet, der auf komplexe Weise
sichtbar macht, wie sich das Phänomen RAF als Produkt von
Text-Bild-Zusammenstellungen konstituiert hat und sich in Prozessen des
steten Wiederholens als Serie von Schlüsselbildern des Terrorismus
fortschreibt.

Anmerkungen:
[1] Susan Sontag, Das Leiden anderer betrachten, München 2003, Tb.-Ausg.
Frankfurt am Main 2005, S. 17.
[2] Klaus Weinhauer / Jörg Requate / Heinz-Gerhard Haupt (Hrsg.),
Terrorismus in der Bundesrepublik. Medien, Staat und Subkulturen in den
1970er Jahren, Frankfurt am Main 2006 (rezensiert von Sonja Glaab,
27.2.2007:
<http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-1-136>
[3.12.2011]); Hanno Balz, Von Terroristen, Sympathisanten und dem
starken Staat. Die öffentliche Debatte über die RAF in den 70er Jahren,
Frankfurt am Main 2008 (rezensiert von Jörg Requate, 30.4.2009:
<http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-2-077>
[3.12.2011]); Andreas Elter, Propaganda der Tat. Die RAF und die Medien,
Frankfurt am Main 2008 (rezensiert von Cordia Baumann, 1.8.2008:
<http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-3-075>
[3.12.2011]).
[3] Rosalind Krauss, Notes on the Index. Seventies Art in America. Part
1, in: October 3 (1977), S. 68-81; dies., Notes on the Index. Seventies
Art in America. Part 2, in: October 4 (1977), S. 58-67. Mit „Index“ ist
ein unmittelbares Verweissystem bzw. eine körperliche Anwesenheit
gemeint, die als direkte materielle Verbindung zwischen Bild und Objekt
besteht. Steinseifer selbst bezeichnet Indizes mit Rekurs auf Peirce als
„Zeichen, die ‚in einem Folge-Verhältnis zum Bezeichneten oder
Gemeinten‘ stehen“ (S. 76) und die auf Objekte verweisen, „ohne sie
selbst näher zu bestimmen“ (S. 80). Die Nähe von Fotografie und Index
geht maßgeblich auf die analoge Fotografietechnik zurück, deren
wesentliches Merkmal es ist, Objekte per Licht direkt in die
fotosensitive Oberfläche einzuschreiben. Peirce kommt auf diesen
Zusammenhang zu sprechen, wenn er schreibt: „So ist ein Foto ein Index,
weil die physikalische Wirkung des Lichts beim Belichten eine
existentielle eins-zu-eins-Korrespondenz zwischen den Teilen des Fotos
und den Teilen des Objekts herstellt, und genau dies ist es, was an
Fotografien oft am meisten geschätzt wird.“ (Charles S. Peirce, Phänomen
und Logik der Zeichen, Frankfurt am Main 1983, S. 65.)
[4] Als bisherige Publikationen zu diesen Bildtypen vgl. u.a. Susanne
Regener, ‚Anarchistische Gewalttäter‘. Zur Mediengeschichte der
RAF-Plakate, in: Gerhard Paul (Hrsg.), Das Jahrhundert der Bilder.
Bildatlas 1949 bis heute, Göttingen 2008, S. 402-409; Rolf Sachsse, Die
Entführung. Die RAF als Bildermaschine, in: ebd., S. 466-473; Petra
Terhoeven, Opferbilder – Täterbilder. Die Fotografie als Medium
linksterroristischer Selbstermächtigung in Deutschland und Italien
während der 70er Jahre, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 58
(2007), S. 380-399.

URL zur Zitation dieses Beitrages:
<http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-1-002>

Hier noch einmal die vollen bibliographischen Angaben:
Martin Steinseifer: ›Terrorismus‹ zwischen Ereignis und Diskurs. Zur Pragmatik von Text-Bild-Zusammenstellungen in Printmedien der 1970er-Jahre, Berlin: De Gruyter, 2011.

Hier geht es zur Seite von Dr. Martin Steinseifer am Zentrum für Medien und Interaktivität (ZMI) in Gießen.
Hier geht es direkt zu Informationen und einer Vorabsicht des betreffenden Bandes auf den Verlagsseiten von de Gruyter.